Was der Parasympathikus mit der Immunabwehr zu tun hat und wie Yin Yoga und Breathwork Dein Immunsystem stärken können

Autorin: Regina Hörner

Was ist eigentlich das menschliche Immunsystem und wie funktioniert es?

Das menschliche Immunsystem ist ein komplexes System aus zahlreichen Bestandteilen, das wie ein Netz den ganzen Körper durchzieht. In beispielhaftem Team-Play spielen diese Bestandteile auf faszinierende und äußerst effektive Art und Weise für unseren Gesundheitsschutz zusammen. 

Da wäre zunächst die Haut: zusammen mit den Schleimhäuten bildet sie einen wichtigen Schutz gegen Eindringlinge von außen. Die Schleimhäute in der Nase, wie auch im Rachen, der Luftröhre bis in die Bronchien und Bronchiolen helfen dabei Fremdkörper aus der Atemluft zu fischen und über feine Flimmerhärchen wieder nach draußen zu transportieren.

Dann wäre da noch das lymphatische System, das sich parallel zu den Blutbahnen durch den ganzen Körper zieht. Das Lymphsystem kann man sich wie eine Sonder-Müll-Abfuhr inklusive Immun-Polizei vorstellen. Über die Lymphe, Gewebsflüssigkeit, werden alle Abfallstoffe aus dem Körper abtransportiert. In den Lymphknoten wird die Lymphe gefiltert. Dabei werden Viren und andere pathogene Krankheitserreger bekämpft und unschädlich gemacht. Kämpft der Körper gegen einen Infekt an, sind daher die Lymphknoten häufig geschwollen. Das Lymphsystem ist außerdem an der Bildung und Ausreifung von Abwehrzellen beteiligt, dies erfolgt neben den Lymphknoten, vor allem in der Thymusdrüse und der Milz. Die meisten Abwehrzellen werden jedoch im Knochenmark produziert. 

Abwehrzellen sind übrigens unter anderem Antikörper, Fresszellen und weiße Blutkörperchen, also Lymphozyten und Leukozyten. 

Last but not least, auch Blut und Darm spielen eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr. Genau wie in der Lymphe, kursieren die Abwehrzellen auch im Blut und machen dort Erreger und Viren dingfest. Vielleicht überraschend, der Darm wird oftmals als größtes und auch wichtigstes Immunorgan bezeichnet und er liefert einige Superlative: Nicht die Haut, sondern die Darmschleimhaut stellt die größte Kontaktfläche des Körpers zur Außenwelt dar. Auf stolze 300qm kommt die Oberfläche des Darms insgesamt, das ist größer als ein Tennisplatz! In der Darmwand sitzen Millionen Abwehrzellen des Immunsystems, tatsächlich werden etwa 70 – 80 Prozent der gesamten Immunabwehr im Darm organisiert.  

Wer sich gern mehr mit der Funktionsweise des Immunsystems auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich gern dieses unterhaltsame Video bei youtube: https://youtu.be/3YzCmYgDxco – der ein oder andere erkennt es vielleicht noch aus seiner Jugend.

 

Was es für ein gesundes, starkes Immunsystems braucht - it’s all connected!

Wie erfolgreich unser Immunsystem bei der Bekämpfung von Erregern und Fremdkörpern ist, kann sehr unterschiedlich sein. Ernährung, Bewegung, allgemeiner Trainingszustand, dies alles hat Einfluss auf das Immunsystem. 

Und dann wäre da noch der Stress. Stress mag unser Immunsystem gar nicht, vor allem betrifft das chronischen Stress. Stress aktiviert den Sympathikus, also den Teil des autonomen Nervensystems, der den Fight-or-Flight-Mechanismus des Menschen steuert. Er bringt den ganzen Körper und die Psyche in Alarmbereitschaft und erhöht die nach außen gerichtete Aktionsfähigkeit bei tatsächlicher oder auch bei gefühlter Belastung. In akuten Stresssituationen sind daher manche Abwehrzellen (die sogenannte angeborene oder unspezifische Immunantwort) sogar aktiver – der Körper bereitet sich auf einen Kampf und die Heilung eventuell drohender körperlicher Schäden vor. Soweit, so gut. 

Wenn nun allerdings Stress zu einer chronischen Belastung wird und dauerhaft anhält, fährt im Körper sowohl die angeborene, als auch die sogenannte adaptive oder spezifische Immunantwort herunter. Die Folge: wer dauerhaft gestresst ist, wird eher krank.

In zahlreichen Studien ist dies schon belegt worden: Das relativ neue Forschungsgebiet der Psycho-Neuro-Immunologie erforscht seit den 1980er Jahren die Zusammenhänge zwischen Psyche, zentralem Nervensystem und Immunsystem. Ein wichtiges Ergebnis dieses Forschungsgebiets ist, dass das Immunsystem kein isolierter, autonom arbeitender Einzelgänger ist, wie die Biomedizin traditionell annahm, sondern vielmehr bilden Körper und Psyche eine Einheit und stehen in ständiger Wechselwirkung, und das auch in Bezug auf die Immunabwehr.

Was hat das jetzt alles mit (Yin) Yoga zu tun?

Zum Glück sind wir dem chronischen Stress – laut WHO übrigens die “größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts” – nicht schutzlos ausgeliefert. Denn praktischerweise wird unser Körper mit einem eigenen Wellness-Programm geliefert – dem Parasympathikus.

Der Parasympathikus ist der Antagonist, also Gegenspieler, zum Sympathikus. Der Parasympathikus bringt den Menschen in einen Ruhezustand: Ist er aktiv, gleitet der gesamte Körper in einen Zustand der Erholung und Regeneration. So ist er wesentlich für eine starke Immunabwehr.

Beide, Sympathikus und Parasympathikus gehören zum autonomen, und damit zum zentralen Nervensystem. Im besten Fall sind die beiden ausgeglichen und ergänzen sich in bester Weise. Geraten sie jedoch außer Balance, wie beim chronischen Stress, braucht es dringend einen Ausgleich zum über-aktiven Sympathikus. 

Hier kommen dem schwächelnden körper-eigenen Wellness-Programm nun Entspannungstechniken, wie zum Beispiel Yoga, zu Hilfe. Die Yin Yoga Praxis eignet sich dabei besonders, um den Parasympathikus zu unterstützen, denn Yin Yoga schenkt uns die Ruhe, die wir in dieser lauten, schnellen, dynamischen und vor allem stressigen Welt so dringend brauchen. 

Durch seine sanfte, passive Übungspraxis – die Asanas werden in der Regel 3- 5 Minuten gehalten, in einer angemessenen Intensität (kein Ehrgeiz!!) und möglichst ohne muskuläre Anspannung – fährt beim Yin Yoga das ganze System “Körper” herunter. Auch spielt Stille eine große Rolle für die Yin Yoga Praxis: haben wir unsere individuelle Position in einer Asana gefunden, fassen wir den Entschluss still zu werden, das heißt sich körperlich möglichst wenig zu bewegen, das heißt aber auch Ruhe und Gleichmäßigkeit im Atem und damit im Geist. So praktiziert wird Yin Yoga eine sehr meditative Praxis. Der Blick geht nach Innen, richtet sich auf das persönliche Erleben und die Erfahrung im Jetzt im eigenen Körper-Tempel.

Warum Atmung keine Einbahnstraße ist und wie sie deine Immunabwehr unterstützt

Unsere Atmung hat nochmal einen ganz besonderen Status in Bezug auf das autonome Nervensystem, respektive den Parasympathikus. Prüfe für Dich selbst:

Wie ist Deine Atmung bei Stress? Vermutlich ein eher kurzer schneller Atem, oben in der Brust.

Wie ist Deine Atmung, wenn du entspannt (oder gerade in einer Yin Yoga Stunde) bist? Vermutlich ruhig, tief und gleichmäßig.

Unsere Atmung zeigt an, in welchem Gemütszustand wir sind. Wie schon gesagt, ist sie Teil des autonomen (oder auch des vegetativen) Nervensystems und wird meistens unwillentlich gesteuert, je nachdem ob gerade eher der Sympathikus oder der Parasympathikus die Oberhand hat. 

Der Zusammenhang zwischen Atmung und Gemütszustand ist jedoch keine Einbahnstraße: Die Atmung ist die einzige Funktion des autonomen Nervensystems, die auch willentlich gesteuert werden kann. Mit einer bewussten Führung unseres Atems können wir also direkt Einfluss nehmen auf unseren Gemütszustand – und zwar jederzeit! 

Probier doch mal aus, wie sich Dein Gemütszustand ändert, wenn du das nächste Mal gestresst oder verärgert bist: Anstatt dich in das Gefühl von Stress und/oder Ärger reinziehen zu lassen, atme 10 Mal tief ein durch die Nase und mindestens doppelt so lange aus durch den Mund. Bleibe dabei mit Deiner Aufmerksamkeit wirklich beim Akt des Atmens.

Diese bewusste Führung der Atmung – nichts anderes ist Breathwork. Liegt der Fokus auf der Einatmung wird der Sympathikus aktiviert, und entsprechend, liegt der Fokus auf der Ausatmung wird der Parasympathikus aktiviert. Dein persönliches Wellness-Programm kannst Du also bequem mit einer leicht verlängerten Ausatmung jederzeit aktivieren, wann immer Du es brauchst oder auch wenn Du gerade nichts besseres zu tun hast, in der Supermarkt-Schlange zum Beispiel. Dein Immunsystem wird sich sicherlich über die Extra-Zeit für Regeneration freuen.