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Ein geregeltes Einkommen, ein Dach über dem Kopf und langfristige Freundschaften: Der Mensch strebt nach Stabilität, Sicherheit, Ruhe und einem geregelten Tagesablauf. So weit, so gut. Aber sollte es nicht ab und zu ein bisschen mehr sein, ein wenig Durcheinander, Herausforderung und „craziness“ im Leben? Dies war das zentrale Thema von Dr. Douglas Brooks, dessen Vortrag ich am ersten Tag des Workshops „Mahadevi: Die Göttinnen-Tradition“ lauschen durfte.

„Dharma“ und „Maya“ seien das, was den Kern der Tradition der „Mahadevi“, der großen Göttin ausmache. Einer Tradition des Tantra, die noch um einiges älter ist als die vedische Kultur, auf die die meisten Yogis sich heutzutage beziehen. 

Dharma bedeutet übersetzt Ordnung, Gesetz und Vorschrift oder Tugend, Ethik und Moral. In der Göttinnen-Tradition beschreibt es die Energie, die uns am Boden hält und stabilisiert – aber auch die Kraft, die für die manchmal anstrengenden Alltagspflichten verantwortlich ist. Demgegenüber steht Maya: Wörtlich aus dem Sanskrit übertragen bedeutet Maya so viel wie „das, was nicht ist“, Schein oder Illusion. In der tantrischen Philosophie jedoch steht Maya vor allem für Instabilität, Unsicherheit und Herausforderung und die Offenheit dafür, das Universum einfach mal machen zu lassen.

Das Universum muss auseinanderfallen, damit etwas neues entstehen kann oder, wie Friedrich Nietzsche sagte: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Die tantrische Philosophie kennt außerdem die Begriffe Shiva und Shakti, die ebenfalls für das statische Bewusststein (Shiva) und für die verändernde kosmische Energie bzw. das Universum (Shakti) stehen.  

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„Wir brauchen genügend Dharma, um kein Chaos anzurichten – und genügend Maya, um zu wissen wie der Hase läuft“
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Puuh, denke ich, sollte ich mich also häufiger aus der gemütlichen Komfortzone herausbewegen, mich für einen Tag vom Dharma verabschieden und mal so richtig viel Maya in mein Leben lassen? Aber Instabilität und Verunsicherung – möchte ich das überhaupt? Auf jeden Fall! Denn genau dieses Maya ist es, das mir Feuer unter dem Hintern macht, die gewisse Würze ins Leben bringt und für Inspiration und neue Entdeckungen sorgt! Ohne Maya wäre das Leben ein statisches Einerlei. Maya ist die Einladung an uns selbst, das Leben in all seinen guten und schlechten Facetten zu leben und beides zu bejahen.

„You are always in the middle of Dharma and Maya and have to move with the energy that is being offered to you“, erklärt Douglas Brooks und gibt aber gleichzeitig zu, wie schwer das eigentlich ist. Was tut man zum Beispiel, wenn die Gedanken während der Yogastunde oder bei der Meditation ständig abschweifen, anstatt sich für eine Weile auszuruhen?

Am Anfang seiner Zeit in Indien habe er sehr mit diesem ständig plappernden Gedankenstrom zu kämpfen gehabt, erzählt Brooks. „Denke auf gar keinen Fall an Affen!“, habe ihm sein Lehrer gesagt – worauf hin Brooks natürlich wochenlang an nichts anderes denken konnte als an Affen. Er war kurz davor, aufzugeben, als sich die Affen auf einmal „zähmen“ ließen: zwar waren sie noch da, doch Brooks versuchte nicht mehr, sie zu vertreiben. Stattdessen akzeptierte er ihre Anwesenheit und lernte so, seinen Geist zu sortieren.

Dharma möchte den Geist am liebsten ständig unter Kontrolle haben – Maya hingegen akzeptiert, dass das nicht geht. Für meine weitere Yogapraxis wünsche ich mir definitiv etwas mehr Maya!

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