Will ich etwas über Yoga sagen, geistert unentwegt diese Zeile aus einem Kettcar-Song in meinem Kopf herum: „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ Yoga scheint sich ähnlich schwer in Worte fassen zu lassen. Vielleicht kam es mir deshalb jahrelang so vor, als würden alle und überall  Yoga machen oder davon berichten, mir selbst aber immer undurchsichtiger scheinen, wovon da gesprochen wird.
Eines Tages saß ich dann im Yogacircle und blickte in das strahlende Gesicht Thomas Bessels. Wie das gekommen war, weiß ich auch nicht mehr so ganz genau. Ich war irgendwie neugierig geworden, was es mit diesen ominösen Präventionskursen auf sich hat und online herausgefunden, dass auch Yoga bezuschusst wird. Und es direkt bei mir im Helmholtzkiez ein Studio gibt, in dem in Kürze so ein Präventionskurs beginnt. Und da war ich dann, in meiner ersten Yogastunde.
 Am Anfang fand ich es wahnsinnig anstrengend, komplett unsportlich wie ich nach über zehn Jahren absoluter Bewegungslosigkeit eben war. Ich fühlte mich steif wie ein Bock und war richtig erschöpft nach einer Stunde. Aber merkwürdig zufrieden dabei. Ich weiß noch, wie ich aus einer meiner ersten Stunden torkelte und dachte: Ach, so fühlt sich das, dieses komische „hier und jetzt“! Am nächsten Morgen fiel mir beim Durchqueren des S-Bahn-Waggons auf, dass mein Kopf ziemlich hoch über der Erde thront, 173 Zentimeter ist offensichtlich gar nicht so wenig. Mit der Zeit begann ich von allein, aufrechter zu sitzen,  und das auch noch als angenehm zu empfinden. Vorher war es immer bloß anstrengend gewesen, mich etwas gerader zu halten. Und unnötig obendrein, schließlich litt ich nicht unter Rückenschmerzen.
Ich lernte Yoga schnell zu schätzen als einen Raum ohne definierte Leistung. Ich lerne, genauso weit zu gehen, wie es heute anscheinend richtig ist, wie viel Drehung mein Rücken heute wohlig findet. Dass so ein Körper unglaublich dankbar reagiert, wenn man ihn streckt und dehnt, fand ich sehr verwunderlich. Auch, wieviel Kraft in ihm steckt und wie schnell sich seine Grenzen verschieben. Da reichten die Fingerspitzen plötzlich fast bis auf den Boden – und war ich nicht letzte Woche noch umgefallen beim Baum?

Übrigens bin ich Studentin. Stressig finde ich das in erster Linie, weil ich immer das Gefühl habe, Fremdansprüche mit meinen eigenen abgleichen zu müssen. Und beide verändern sich ständig. Niemand sagt Bescheid, wann es genug ist, einen Feierabend gibt es nur bei meinem Job – aber der hat ja eigentlich nur den Zweck, meinen unbezahlten Studentenberuf zu finanzieren..
Kurzum, mir kommt oft etwas abhanden: Der Überblick zum Beispiel. Oder die Zeit. Oft die Geduld, ständig der Fokus, manchmal das Ziel, und die Nerven sowieso. Spätestens wenn sich die Motivation dann noch in Luft auflöst, wird das Leben mühselig.
Beim Yoga finde ich diese Dinge wieder. Mein Kopf hört auf, vor sich hinzurattern. Irgendwann bei all dem Beugen und Drehen und Atmen hat er einfach vergessen zu denken. Sonst passiert ihm so etwas nicht!

Die Erfahrung der Stille im Kopf teile ich mit anderen, wie ich mittlerweile gehört habe. Und in dem Wort Erfahrung steckt wohl, was Yoga mit Musik gemeinsam hat und es schwierig macht, darüber Aussagen zu treffen. Es ist vor allem eines: Individuelles Erleben. Für jeden ein wenig anders, und jedesmal ein wenig anders als beim letzten Mal. Das heißt auch, kein anderer kann es für mich  erleben. Wir können es aber miteinander teilen und das macht es noch viel schöner.