Im November 2016 unterrichtet Michael Stewart sein Teacher’s Intensive. Doch was unterrichtet der yogische Tausendsassa dort, welche Philosophien inspirieren ihn und wie kam er überhaupt zum Yoga? Darüber habe ich mit ihm gesprochen.

Michael, du unterrichtest seit geraumer Zeit Yoga. Wann und wie bist du zum Yoga gekommen?
Das hat vor einer ganzen Weile angefangen, ich glaube es ist jetzt 25 Jahre her. Zum ersten Mal kam ich mit 20 Jahren mit Yoga in Berührung. Zu diesem Zeitpunkt bin ich aber nicht dabei geblieben. Zehn Jahre später arbeitete ich am Theater mit einem Tanzlehrer, der auch Yoga unterrichtete – und der hat es wieder an die Oberfläche geholt. Ich blieb dabei und begann zu erforschen. Vorher war ich bereits sehr sportlich gewesen, konnte mich also mit der Praxis beschäftigen, auch wenn ich sie sehr herausfordernd fand: Diese Asanas sahen so einfach aus und waren gleichzeitig eine athletische Erfahrung – am Anfang habe ich es als einen Wettbewerb gesehen. Kurz danach besuchte ich den ersten Sivananda Ashram in Indien, später auch auf den Bahamas und stellte fest: Da gibt es noch eine ganze Menge mehr. Irgendwo in dieser Phase kam ich auch in eine persönliche Krise.

Yoga wurde also dann besonders wichtig in deinem Leben, als alles auf dem Kopf stand?
Es war ein Zusammenbruch von allem, was mir gesagt wurde und was ich in der Welt gesehen hatte. Die fundamentalen Dinge im Leben hatten immer funktioniert – plötzlich taten sie es nicht mehr. Ich dachte mir: „Das ist nicht das, was wirklich passiert“. Oder eher: „Das ist nicht das EINZIGE, was hier wirklich passiert“. Eine Lebenskrise hat mich also zu diesen tiefschürfenden Fragen gebracht. Etwas musste zerbrechen, damit etwas neues entstehen konnte. Die zerbrochenen Teile waren Ich – es gab kein „Ich“ mehr. Es waren nur noch kleine Teile von dem, was man als „Ich“ bezeichnet.
Es dauerte ein paar Jahre, bis ich diese Teile wieder zusammengesetzt hatte. Aber von da an betrachtete ich das Leben aus einer anderen Perspektive: Was ist im Angebot? Wie können wir dieses Erlebnis, auf der Welt zu sein, anders sehen? Yoga kam zu diesem Zeitpunkt genau richtig. Mein Leben stand völlig auf dem Kopf und Yoga war die Rettungsinsel inmitten des Sturms – und ich hielt mich daran fest. Offensichtlich muss etwas kaputt gehen, damit wir richtig hinschauen. Diese ganze Sache mit der Komfortzone, in der uns die moderne Welt haben möchte – das trägt auch dazu bei, dass wir auf der Stelle treten und nicht über den Tellerrand schauen. Wenn wir hingegen auch die unangenehmen Dinge im Leben willkommen heißen, sehen wir, was das Leben alles im Programm hat.

Mit welcher Art von Yoga hast du angefangen?
Ich habe ganz klassisch angefangen; in den Sivananda Ashrams wird die Advaita Vedanta Tradition gelehrt. Ungefähr so: „Ich bin nicht dieses, ich bin nicht jenes, ich bin nicht das andere, ich bin nicht mein Körper, ich bin nicht mein Geist“. Im Laufe der Zeit habe ich auch Ivengar Yoga, Ashtanga Yoga und Kundalini Yoga ausprobiert und überhaupt jeden Stil, den man finden kann. Ich bin in dieser Hinsicht neugierig wie eine Katze.

Bist du bei einem dieser Stile und Philosophien geblieben?
Mit all diesen verschiedenen Perspektiven und Einsichten begann ich mich zu fragen: „Wenn ich nicht dieses und auch nicht jenes bin – was zum Teufel bin ich dann?“ Das war ein guter Ausgangspunkt. Ich fand, dass dieses System viel zu restriktiv ist: Dies ist nicht gut, das auch nicht. Wie um Himmels Willen soll man damit in der modernen Welt leben? Es ist sicherlich eine gute Praxis für Menschen, die sich von der Welt abschotten wollen. Aber wenn du in der Welt bleiben möchtest, dann ergibt sich da ein Graben. Der Graben ist die Dualität. Wir können immer noch zwischen gut und böse unterscheiden, die Welt ist immer gut und böse. Advaita Vedanta und andere Systeme arbeiten auf eine Einheit hin. Doch wie soll ich zu einer Einheit finden, wenn ich immer diese Dualität praktiziere? Das war ein sehr interessanter Wendepunkt. Vor zehn Jahren ungefähr kam ich dann zu Tantra.

Was ist anders in der Tradition des Tantra?
Die anderen Systeme, die ich ausprobiert hatte, begannen alle mit „Nein“. Tantra hingegen beginnt mit „Ja“. Ja-Sagen ergab für mich absolut Sinn. Damit hat man vielleicht einen Weg gefunden, mit der Welt umzugehen. Tantra lehrt uns, unser Bewusstsein zu erweitern. Wir haben außerdem dieses göttliche Fundament. Wenn wir von dieser Perspektive ausgehen – wie kann dann etwas nicht gut sein? Es ist allein unser Kopf mit seiner beschränkten Weltsicht, der in Gut und Böse einteilt. Wenn das alles eine göttliche Erfahrung ist, ist es dann nicht die am meisten herausfordernde Erfahrung, unser Bewusstsein zu erweitern und das Göttliche zu erfahren? Ich kann die Einheit nicht erfahren, wenn ich Dualität praktiziere. Das war ziemlich herausfordernd. Denn wir brauchen zunächst diese Dualität, um die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen und zu verstehen, dass die Dinge nicht gleich schlecht sind, nur weil sie kompliziert sind. Der Hauptbestandteil von Tantra ist diese Einheit, aber es gibt natürlich viele weitere Stränge,z.B. die Shri Vidya Tradition.

Lass uns über deine Auffassung der “Komfortzone” sprechen, die ein wichtige Bestandteil deines Unterrichts ist.
Wir haben es hier ziemlich gemütlich – und wenn das so ist, dann hören wir auf, Fragen zu stellen. Wir leben eingelullt in dieser Blase namens „Alles ist gut“. Aber wenn wir uns den unangenehmen Dingen im Lebe nicht stellen – und das Leben ist immer wieder kompliziert – wie sollen wir dann lernen, damit umzugehen? Wir müssen einen Weg finden, das Unangenehme zu praktizieren und uns auf eine sichere Weise herauszufordern. „Sicher“ ist das Wichtigste hier: es wäre unverantwortlich zu sagen „sei leichtsinnig im Leben“. Außerdem geht es um die Frage, was man wählt: In der Welt gibt es alles, von Freude über Wut, Krieg und Glück. Die Auswahl ist so groß, dass viele Menschen sich wie Schafe verhalten und sich sagen lassen: „so läuft das System, bleib auf jeden Fall in deiner Komfortzone!“

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Die meisten verlassen diese Komfortzone nicht, weil sie nicht wissen, was sie außerhalb erwartet, dieses Ungewisse. Aber Menschen, die sich regelmäßig dorthin wagen, wissen irgendwie, dass schon alles gut gehen wird. Sonst würden sie das niemals tun. Aber was ist dieses „irgendwie“?
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Warum wissen manche Menschen es und manche nicht? Wie können wir dieses Wissen kultivieren? Im Tantra definiert man dieses „irgendwie“ als Manifestation des Göttlichen. Und wenn wir uns diesem Göttlichen wirklich hingeben – wie könnte es dann zerstört werden? Göttlichkeit kann man nicht zerstören.

Welche Rolle spielt Yoga diesbezüglich?
Yoga ist nicht rücksichtslos und nicht willkürlich. Es ist sehr präzise. Es ist wie ein wissenschaftliches Experiment, welches über Jahrhunderte immer und immer wieder durchgeführt wurde. Man praktiziert und das hat einen bestimmten Effekt. Entweder haben all diese Menschen über die Jahrhunderte gelogen – oder es wirkt tatsächlich! Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet – und das tue ich – dann können diese Übungen niemals nicht wirken. Sie werden nicht immer den gleichen Effekt haben, dafür gibt es jedes Mal eine individuelle Erfahrung.
Das ist übrigens sehr herausfordernd für Yoga-Lehrer, denn woher sollen sie wissen, was du jetzt in dem Moment brauchst? Yoga ist eine Einladung an das Leben, an die Neugierde darauf, was kommen mag und wie man damit umgeht. Es ermöglicht dir, zu entscheiden, wie du mit Situationen umgehen willst. Aber wie kann man üben, an den Rand der Komfortzone zu gehen? Wir praktizieren die Asanas aus dem Hatha Yoga in einer bestimmten Art und Weise, es sind stärkende Asanas, und fügen tantrische Philosophie hinzu. Es geht um die Ausrichtung und darum, der Energie genügend Platz zu geben, ihr Bewegung im Körper zu ermöglichen. Denn wie soll die Energie fließen, wenn du zusammengesunken auf dem Stuhl lümmelst? Sobald wie die Energie haben, bewegen wir sie mithilfe von Pranayama und Bhandas durch den Körper. Nach dem physischen und dem energetischen Körper kümmern wir uns dann mit Mantras – z.B. „Om Namah Shivaya“ – um den feinstofflichen Körper.

Was bedeutet dieses Mantra?
In der westlichen Welt wollen wir immer wissen, was etwas bedeutet. Aber bei Dingen wie Bhandas und Mudras geht es vielmehr um die Erfahrung als darum, das Ganze intellektuell zu verstehen. Darum praktizieren viele Menschen auch keine Mudras, weil man den Effekt nicht detailliert erklären kann. Aber mache den Selbstversuch, lege Daumen und Zeigefinger eine zeitlang täglich für ein paar Minuten zusammen – und dann erzähl‘ mir, dass du nichts dabei gefühlt hast!

Das erinnert mich an meine Erfahrungen mit dem Wort „OM“: Ich habe schon einiges darüber gelesen, könnte die Bedeutung allerdings nicht wirklich erklären, so vielfältig ist sie. Aber wenn ich es singe…
Genau, dann fühlst du es! Ich habe ein persönliches Mantra für Tantra Yoga: „Du machst es, du fühlst es, du weißt es.“ Du fühlst es, du weißt es – und kannst es trotzdem nicht aufschreiben, es handelt sich eher um ein „wahres Wissen“. So wie die Menschen, die sich aus der Komfortzone bewegen, wissen, dass es irgendwie gut gehen wird. Wie identifizieren wir dieses Wissen, damit es immer präsent ist? Indem wir auf eine bestimmte Art und Weise praktizieren. Denn Yoga ist in keiner Hinsicht willkürlich.

Vom 22. bis 24. Juli leitest du einen Summer Workshop im Yogacircle. Was erwartet die Teilnehmer dort?
Wir werden das ganze Programm machen: Asanas und Pranayama mit Bhandas, dazu Mudras und Mantras. Wir werden durch alle drei Körper gehen. Meine Praxis bezieht alles mit ein und ist durchsetzt mit tantrischer Philosophie – und zwar so, dass man es auch versteht. Ich könnte euch natürlich damit beeindrucken, wie viele Sanskrit-Begriffe ich kann, aber da hätte niemand von uns etwas. Mein Ziel ist es, das Verständnis zu erhöhen für alles, was es auf der Welt gibt. Auf dem Yogafestival in Kladow gibt es das Programm in verkürzter Form, da wir nur zwei Stunden Zeit haben – im Yogacircle können wir drei Tage nutzen.

Vielen Dank für das Interview!